Die Wärmewende,
     die Wertschöpfung, 
          der Wahrheitseffekt 
     und 
das Wirgefühl 


In jeder Beziehung entwickeln sich im Laufe der Zeit bestimmte Rituale. 
Wir – das ist manchmal das tägliche Telefonat in der Mittagspause, die gleiche Handbewegung, wenn ein bestimmtes Stichwort in der Unterhaltung eingebracht wird oder das gegenseitige Beenden der Sätze. Besonders Letzteres führt immer wieder zu regen Diskussionen: Ist diese Art der Kommunikation extrem süß und als Indiz einer totalen Seelenverwandtschaft zu werten? Ist ein derartiges Verhalten einfach nur peinlich oder gar ein Anzeichen, dass sich ein Beziehungspartner in seiner Individualität auflöst und vom anderen subsumiert wird?


WIR, d. h. die Deutsche ErdWärme und ich – wir sind ein ganz besonderes Paar. 
Und ich dachte immer, dass wir nicht zu dieser Art von Paaren zählen, bei der eine die Aussagen des jeweils anderen ergänzt. Wir sind eher die, die sich zurücklehnen, dem anderen zuhören. Doch als ich im Verlauf unseres letzten Zusammentreffens einmal näher auf mein Verhalten geachtet habe, fiel mir etwas auf: Ich beende die Sätze meines Gegenübers zwar nicht hörbar, dafür jedoch regelmäßig in Gedanken.

Ob es sich um die Firma an sich handelt oder um Fragen zur Sicherheit und Technik des Verfahrens dreht – wenn man einen langen Weg miteinander gegangen ist, dann kennt man den anderen und seine Gedankengänge sehr gut. 


Möchten Sie ein Beispiel hören?
- Wer legt denn sein Geld in dem Pensionsfond CIP an? „Das ist die pensionierte …. aus …, deren Geld hier zum Return kommen soll.“

- „Immer, wenn der Ölpreis steigt, dann machen die in … neue Bohrungen.“

- Welche Größenordnung ist als Referenz für die möglichen Erschütterungen heranzuziehen? „ungefähr vergleichbar mit einer …..“

- In der Diskussion um den Ausbau von Wärmekonzepten heißt es, „unsere Expertise endet am Ende der … .“

- Und – wem möchte mein Gegenüber eine „Welt hinterlassen, die nicht gekennzeichnet ist durch Waldbrände und zerstörte Wälder?“


Wenn man über einen bestimmten Zeitraum hinweg einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund aufgebaut hat, weiß man folglich auch des Öfteren, was der andere gerade antizipiert und spekuliert. 

Übrigens ist dies nicht nur bei der Kommunikation, sondern auch bei Gesten der Fall. Wenn beispielsweise das Gespräch auf das Thema „Verwerfungen“ kommt, dann weiß ich, dass mein Gegenüber im nächsten Moment mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit eine reibende Handbewegung vollziehen wird. Auch hier spielt also die in der Vergangenheit gemachte Erfahrung eine wichtige Rolle.

Ein weiteres Szenario, das vermutlich viele Langzeitpaare kennen werden, ist Folgendes: Sie führen gerade eines von diesen wunderbaren Telefonaten, die endlos zu sein scheinen. Doch dann tritt plötzlich ein Moment der Stille ein, weil Sie glauben, sich alles erzählt zu haben – bis Sie im nächsten Augenblick gleichzeitig erneut zu erzählen beginnen. 
Ähnliche Situationen liefern auch immer wieder gemeinsame Fernsehabende. Vielleicht saßen Sie ja auch schon einmal mit Ihrer Liebsten zu Hause auf dem Sofa, als Ihnen bei einer Filmszene plötzlich der gleiche Kommentar durch den Kopf schoss. Auch solche Ereignisse sind ein Beweis dafür, dass man mit der Partnerin auf der gleichen Wellenlänge schwimmt.

Vermutlich lässt es sich in einer langjährigen Beziehung aufgrund der unzähligen, gemeinsam verbrachten Stunden auch überhaupt nicht vermeiden, dass man irgendwann die Sätze des anderen beenden kann. Und vielleicht ist dies sogar gut so, denn schließlich ist es ja auch ein Zeichen dafür, dass zwei Herzen im Gleichklang schlagen, und es zeugt von Vertrautheit, wenn man sich ohne große Worte versteht. 

Im Hinblick auf die Deutsche ErdWärme (DEW) als „Gegenüber in einer Beziehung“ steht allerdings nicht das wertschätzende Wohlwollen in einer Wahlzusammengehörigkeit im Vordergrund. Wir müssen vielmehr darauf achten, dass wir nicht dem Illusory Truth Effect (Wahrheitseffekt) unterliegen. 

Wenn Herr Pohl immer wieder sagt, die Deutsche ErdWärme baue auf langjähriger Berufserfahrung auf und sei das größte Unternehmen dieser Art nicht nur in Deutschland, sondern sogar in Europa, dann steigert er damit seine Chancen, dass ihm das auch geglaubt wird. Aus rhetorischer Sicht machen Herr Pohl und sein Team alles richtig, denn aus neurowissenschaftlicher Forschung wissen wir, dass man Menschen selbst die abstrusesten Dinge einreden kann, wenn man diese oft genug wiederholt.

Unsicherheit und Angst machen uns anfälliger für diesen Wahrheitseffekt. 

Herrn Pohl zum Beispiel spielt es in die Hände, dass gemäß zahlreichen Veröffentlichungen in Print- und Digitalmedien eine Wiederholung der Ereignisse in Staufen, Landau oder Vendenheim aufgrund anderer Bohrverfahren der DEW ja quasi ausgeschlossen sind. Und so kann er den Keim für unser herbeigesehntes Sicherheitsgefühl setzen: Können in Graben-Neudorf oder Waghäusel tatsächlich Schäden ausgeschlossen und der Beitrag zur Energiewende ohne Nebenwirkungen zu Lasten der BürgerInnen geleistet werden?


Dieser Illusory Truth Effect wird im Kontext von Politik und Werbung häufig und gerne genutzt. Im Prinzip könnte unser Gehirn solche Wiederholungen eigentlich aussortieren. Aber "das Gehirn hat gar nicht das Interesse daran, die Wahrheit faktisch so abzubilden, wie sie tatsächlich ist." (Henning Beck, Neurowissenschaftler).


Wenn unser Gehirn viele ähnliche Informationen erkennt und diese uns auch noch im Moment einer Unsicherheit oder gar Angst die Option auf Klarheit bieten, erklärt Beck im Weiteren, dann macht unser Gehirn sozusagen einen Fehlschluss: Es interpretiert Häufigkeit als Wichtigkeit und damit als Wahrheit, während andere Informationen zunehmend ausgeblendet werden.

Wenn Sie -wie ich- die Auftritte der Tiefengeothermie-Protagonisten während der zurückliegenden Live- oder Online-Formate verfolgt haben, dann kennen Sie sicherlich auch diese oder ähnliche Sätze: 
„Es gibt noch nirgendwo ein zusammengefallendes Haus durch Tiefengeothermie.“
„Es gibt keine Abkühlung des Reservoirs.“
„Derzeit ist der Abbau von Lithium im Rahmen der Tiefengeothermie weder möglich noch praktikabel. Das Verfahren ist noch im Forschungsstand.“
„Wir gucken, dass wir aus den Fehlern, die weltweit gemacht werden, lernen.“
„Die vorliegende Schadenshistorie zur Tiefengeothermie gibt keinen Anlass für höhere Versicherungssummen.“
„Vendenheim und Staufen sind überhaupt nicht mit den geplanten Projekten im Oberrheingraben vergleichbar.“
„Es darf nichts passieren und das kann man (A. d. A.: die DEW) sicherstellen.“

In zahlreichen Versionen und Varianten werden unter anderem diese Aussagen wiederholt und damit steigert die Tiefengeothermie-Lobby ihre Chancen, dass ihr das auch geglaubt wird.

Die Mächtigkeit solcher Wiederholungen auch im Rahmen von Podiumsveranstaltungen zeigt eine Studie der US-Psychologin Kimberlee Weaver vom Institute for Social Research an der Universität Michigan. Demnach reichen schon drei Personen, um die Meinung einer Gruppe zu repräsentieren, solange diese einmütig und unabhängig voneinander immer wieder dieselbe Meinung kundtun. Weaver stellte sogar fest, dass eine einzelne Person bereits 90 Prozent dieses Effekts erreicht, wenn sie nur dreimal dieselbe Meinung (vorzugsweise die eigene) wiederholt! 

Denken Sie nun bitte einmal an die zurückliegenden Informationsveranstaltungen der DEW und zählen Sie im Geiste auf, wie viele Personen sich auf der Bühne jeweils für bzw. gegen die Tiefengeothermie ausgesprochen haben. Beobachten Sie unter diesem Blickwinkel das rhetorische Auftreten von Herrn Pohl und achten Sie genau darauf, wann er welche Begriffe respektive Phasen wie oft wiederholt. Ich möchte Sie aber an diesem Punkt dennoch mit einer guten Nachricht ins weitere Wochenende entlassen: 

Wir können uns auch schützen. 
Studien zeigen, je mehr Menschen neue Informationen mit ihren bisherigen Erfahrungen und ihrem gesammelten Wissen abgleichen und sich über unterschiedliche Medien informieren, desto weniger sind sie verführbar für solche Wiederholungs-Manipulationen.
Wer den Wiederholungs-Effekt kennt, ist jetzt nunmehr gewarnt ‼ Gewarnt ‼ Gewarnt ‼

P. S.
Es handelt sich um die pensionierte Kindergärtnerin aus Kopenhagen.
Man bohrt in den Banlieues von Paris.
Die Referenz ist eine Straßenbahn.
Die Expertise endet am Ende der Geothermie Anlage.
Herr Pohl möchte seinen Kindern eine heile Welt hinterlassen.


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