Der Planungsausschuss des Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein hatte für die Tagung am 05.05.2021 den Geschäftsführer der Deutschen ErdWärme (DEW) als Referenten eingeladen. Dr. Herbert Pohl berichtete über die DEW, Partner der DEW, Tiefengeothermie im Allgemeinen und über den Stand der aktuellen Projekte seines Unternehmens im Oberrheingraben. Die Tagung war öffentlich und so konnten Vertreter die BI teilnehmen. 


Wer war anwesend?
Die Mitglieder der Verbandsversammlung werden von den Kreisräten und den Landräten der Landkreise sowie von den Gemeinderäten und den Oberbürgermeistern der Stadtkreise gewählt. Die Verbandsversammlung des Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein besteht aktuell aus 80 Mitgliedern aus sechs Parteien.

Welche Inhalte übermittelte Herr Pohl dem Ausschuss?
- Er stellte die DEW mit ihren Partnerfirmen vor.
- Er legte die Finanzierung über die CIP dar.
- Er zeigte den aktuellen Projektstand für Graben-Neudorf, Waghäusel, Dettenheim und Neureut auf. 
- Es folgte ein kurzer Exkurs in die Technik der Tiefengeothermie.
- Er klärte über die Unterschiede zu der Bohrung in Vendenheim auf.
- Er betonte den Stellenwert der Öffentlichkeitsarbeit und des Dialoges mit Kommunen und Bürger*Innen. 


Im Anschluss wurde die „Diskussionsrunde“ eröffnet. Die Mitglieder des Ausschusses hatten die Möglichkeit ihre Position zu dem Thema „Tiefengeothermie“ darzustellen und ggf. Fragen an Herrn Pohl zu adressieren. 
Hierbei stachen besonders folgende Aspekte heraus:
📌 Der Bürgerschutz müsse hochgehalten werden. Dies betreffe sowohl die Unversehrtheit von Hab und Gut als auch den Prozess der ggf. notwendigen Schadensabwicklung.
📌 Das Bergrecht widerspreche in der aktuellen Fassung der heutigen Auffassung einer Politik des Gehört-Werdens.
📌 Das Landesbergamt in Freiburg dürfe sich nicht ausschließlich auf Gutachten von Kooperationspartnern der DEW verlassen. Vielmehr seien unabhängige Gutachten einzuholen. 
📌 Umsetzung und Realisierung der Wärmeplanung sei weiterhin ein großes Thema.
📌 Der potentielle Wirkungsgrad, die angestrebte Stromerzeugung und eine mögliche Gefährdung durch Schadstoffe wurden angesprochen. 
📌 Das „wie“ könne man für die Realisierung der Wärmewende mit Tiefengeothermie beantworten. Das „ob“ stehe noch in Frage. Möglichweise könne die Implementierung eines unabhängigen Projektbeirates/Fachbeirates ein Teil dieser Antwort sein.
📌 Es wurde angefragt, ob die DEW plane in die Gewinnung von Lithium einzusteigen. 
📌 Man solle mit der Bevölkerung gehen und nicht gegen sie. Damit sei auch die Angst vor einer größeren Bürgerbeteiligung unbegründet.

Malheur, Lapsus Memoriae, Alternative Fakten oder wie würden Sie es benennen?

Ein Auszug der Aussagen und Antworten von Herrn Pohl:
🔎 "Vendenheim sei überhaupt nicht mit den geplanten Projekten im Oberrheingraben vergleichbar."

Gründe dafür seien:
1. Die Basis einer vernünftigen Geothermie sind 3D Daten.
2. Man habe ins Grundgebirge gebohrt.
3. Man habe aufgrund der fehlenden 3D Daten in eine Kompressionszone gebohrt.
4. Man habe kein Ampelsystem eingesetzt
„Seismische Aktivitäten bilden sich über Wochen und Monate. Man hätte abschalten müssen“
ANMERKUNG der BI: Mit Abschalten der Anlage ging leider kein Abschalten der seismischen Aktivitäten einher.

🔎 "Man sei in der Öffentlichkeit aktiv." 

Die Webseite habe eine umfassende und wachsende „Frage-Antwort“ Rubrik. Man habe Broschüren verteilt, an Informationsveranstaltungen teilgenommen und Bürgersprechstunden (analog und digital) im Angebot. „Ich bin nicht in der Bundesregierung und nicht für das Bergrecht verantwortlich…Wir halten uns daran…Wir haben es versucht und tun unser Bestes“ Im Hinblick auf die Vorgaben des Bergamtes „müssen wir gar nichts machen“, daher „kompensieren wir die Defizite“ in der Öffentlichkeitsarbeit. 
ANMERKUNG: Dieses selbstlose Engagement, aus welchem mit dem Ansturm technikbegeisterter und am Klimaschutz interessierter Besucher*innen touristische Marketingkonzepte in den Gemeinden resultieren werden, kann anscheinend seitens der Bevölkerung (noch) nicht hinreichend gewürdigt werden.

🔎 „Es darf nichts passieren und das kann man sicherstellen.“ 

Man habe sich einem engen Korsett verpflichtet. Sonst scheitere der eigene Business-Plan. 
ANMERKUNG: Schade, dass die Betreiber der Tiefengeothermie-Kraftwerke in Landau, Brühl, und Straßburg oder der Projekte in Staufen und Böblingen die Feinabstimmung zwischen Sicherheitskorsett und Business-Plan anscheinend nicht ausreichend bedacht haben

🔎 „Es gibt keine Abkühlung des Reservoirs.“ 

In Italien laufe eine Anlage schon seit über 100 Jahren. 
ANMERKUNG: „Wenn diese Zone abgekühlt ist unter eine Nutzbarkeitsgrenze, gilt diese als „erschöpft“. Dies tritt typischerweise nach ca. 40 –50 Jahren auf“

(https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/bund/position/tiefengeothermie_position.pdf
„Die Modellierung der Wärmeregeneration nach Abschluss eines 50 Jahre währenden Betriebszeitraumes unter den gegebenen Randbedingungen zeigt, dass frühestens nach 2000 Jahren mit einer weitgehenden thermischen Regeneration des genutzten Malm-Reservoirs zu rechnen ist.“ (https://www.stmwi.bayern.de/fileadmin/user_upload/stmwivt/Publikationen/2013/Bayerischer_Geothermieatlas_2013.pdf
„Die Anlagennutzungsdauer beträgt 20 Jahre“ (https://www.erneuerbare-energien.de/EE/Redaktion/DE/Downloads/Berichte/erfahrungsbericht-evaluierung-eeg-2014-2b.pdf?__blob=publicationFile&v=4
(https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/7042/file/7042_Tiefengeothermie.pdf S. 37
Am 04. 07.1904 gelang es Prinz Piero Ginori Conti in Lardarello in der Toskana zum ersten Mal, mit Geothermie Elektrizität zu erzeugen. Der erzeugte Strom reichte für vier Glühlampen. Wir gehen nicht davon aus, dass diese Anlage heute noch in Betrieb ist. 


🔎 Die Werke seien ausgerichtet auf Strom und Wärmeerzeugung. Am Anfang werde ausschließlich Strom erzeugt werden

„Ich wäre sehr enttäuscht, wenn sich die Nutzung nicht zeitnah auch auf Wärme erstreckt“. 
ANMERKUNG: Damit wird der Ball geschickt an die Gemeinden abgegeben, denen nun die Erhebung potentieller Abnehmer und die Finanzierung des Wärmenetztes obliegt. Dabei wird in der öffentlichen Diskussion leider immer wieder die Notwendigkeit von Redundanz-Kraftwerken oder auch „Spitzenlast- und Redundanzaggregate(n)“ vernachlässigt. Hierbei handelt es sich um „Heizzentralen zur Bereitstellung von Nah- und Fernwärme … durch eine Kesselanlage ergänzt, die mit fossilen oder biogenen Brennstoffen beheizt wird. Sie dient zum Ausgleich saisonaler und täglicher Leistungsspitzen sowie zum Auffangen eines störungsbedingten Ausfalls. Diese Anlage muss ausreichend groß dimensioniert werden, so dass sie im Havariefall die vollständige Wärmenachfrage aller angeschlossenen Verbraucher sicher decken kann …“ (https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2017-02-23_climate-change_06-2017_geothermie_blau.pdf S. 29 ; https://www.erneuerbare-energien.de/EE/Redaktion/DE/Downloads/Berichte/erfahrungsbericht-evaluierung-eeg-2014-2b.pdf?__blob=publicationFile&v=4 (S. 21)

🔎 Und im Flow des immergrünen Tiefengeothermie-Märchens ließ es sich Herr Pohl auch nicht nehmen 3 Wünsche zu äußern:

1. Er wünscht sich einen Ausbau der Wärmenetze
2. Er wünscht sich eine regionale Wärmeplanung
3. Er wünscht sich ein deutlicheres Bekenntnis zu seinen Projekten in der Öffentlichkeit seitens der Bundes- und Landesregierung und möchte auch in den Kreisen des Regionalverbandes explizite Unterstützung erfahren. 

🔎 Was treibt Herrn Pohl an?
„Unsere Kinder werden uns fragen, was habt Ihr getan? Und sie werden sagen: Ihr habt zu wenig getan und ihr habt es zu spät getan!“

🔎 Die abschließenden Worte widmete Herr Pohl dem Lithium. 

Nach seinem Kenntnisstand gebe es die derzeitige Forschungslage weder her, aus dem Thermalwasser Lithium zu extrahieren, noch sei aktuell eine Pilotanlage in Betrieb oder geplant. „Wir planen ohne Lithiumgewinnung! Wenn es irgendwann so wäre, wäre es sicherlich ein Thema, das man sich anschauen sollte“.  Er äußerte seine Verwunderung ob der hohen Öffentlichkeitswirkung dieses Themas und des hohen öffentlichen Interesses. 
ANMERKUNG: Bereits 2020 berichteten zahlreiche Artikel von den geplanten Pilotanlagen zur Lithiumgewinnung in Bruchsal und Insheim.

 (https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/karlsruhe/enbw-will-lithium-aus-geothermieanlage-bruchsal-gewinnen-100.html; https://www.electrive.net/2020/06/15/lithium-gewinnung-aus-geothermie-anlagen-in-deutschland/

Eine Vulcan Energy Pilotanlage, die sich explizit an einem anderen der vorab genannten Standorte befindet, sei bereits im Oberrheingraben in Betrieb gegangen (https://www.tiefegeothermie.de/news/vulcan-energy-pilotanlage-im-oberrheingraben-betrieb-gegangen). 
Anscheinend lässt die Position als Geschäftsführer von 12 Tochterfirmen der Deutschen ErdWärme, der PS Amici und der ALM Kapital und der Lampe Credit Advisors Herrn Pohl wenig Zeit für die Lektüre der Tagespresse. (https://www.northdata.de/Pohl,+Herbert,+Gr%C3%BCnwald/iz0

🔎 2 Fragen blieben leider nach Verabschiedung dieses Tagesordnungspunktes unbeantwortet:
1. Wie viele Tiefengeothermie Projekte hat die DEW begleitet?
2. Wie viele Projekte hat die DEW erfolgreich abgeschlossen?

ANMERKUNG: Da Sie mit der Lektüre unseres Berichtes bis zu diesem Punkt durchgehalten haben, möchten wir Ihr Interesse gerne mit den Antworten auf die o. g. Fragen honorieren.
Ad 1: In Bellheim verschloss die DEW 2018 das Bohrloch der Firma Hotrock
Ad 2: 0 oder in Buchstaben „NULL“


Ad 3 (eine Bonusfrage): Wo konnten Projekte nicht realisiert werden? 
- In Brühl erhielten im März 2021 die Partner MVV und EnBW den Zuschlag für die Aufsuchung vor der Deutschen Erdwärme GmbH. 
- Die Bürger der Gemeinden Lustadt und Westheim haben sich in einem Bürgerentscheid 2017 mit 95,7 beziehungsweise 91,3 Prozent klar gegen das Vorhaben ausgesprochen.
- Der Gemeinderat von Oberhausen-Rheinhausen schließt in seiner Sitzung am 24.04.2017 gemäß §11 Nr. 10 BBErgG die Durchführung von Bohrungen und den Bau eines Kraftwerkes aus.
- Der Gemeinderat Ubstadt-Weiher gibt 2017 gegenüber dem LGRB eine Stellungnahme ab und spricht sich generell gegen die Nutzung bzw. Ausbeutung von Geothermie und Sole in ihrer Gemarkung und gegen die Nutzung bzw. Ausbeutung von Geothermie und Sole außerhalb ihrer Gemarkung, wenn dies Auswirkungen auf das Gemarkungsgebiet der Gemeinde Ubstadt-Weiher hat, aus.

Auf der Grundlage einer „intensiven Bevölkerungsbeteiligung“ könne sich die Tiefengeothermie zu einem Baustein für die Energiewende entwickeln. 
Ein Kraftwerk sowie eine Verteil- und Speicherinfrastruktur seien laut Herrn Hager (Direktor des Regionalverbandes) notwendige erste Schritte. 

Wir fragen: Sieht so die Vorstellung des Regionalverbandes von Bürgerbeteiligung aus? 

Zahlreiche Redner haben u. a. die Schlagworte „Bürgerbeteiligung – Bürgernähe – Bürgerschutz – Politik des Gehörtwerdens“ bemüht.
Wir bitte die Verantwortlichen: Verleihen Sie diesen Worte Inhalt!

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